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Die Menschen haben diese Wahrheit vergessen, sagte der Fuchs,
Aber du darfst sie nicht vergessen.
Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast...

Antoine de Saint-Exupéry, 'Der kleine Prinz'

Aktion Kleiner Prinz fördert weitere Hilfen für Nahost-Flüchtlinge

Unsere Projektpartnerin in der Türkei informiiert uns regelmäßig über die geplanten Hilfen für Kinder in den Flüchtlingslagern. Jetzt erfuhren wir, dass zwei Kindergärten für Flüchtlingskinder vorbereitet werden:

einer in Girêmîra. Dort halten sich insgesamt 250 jesidische Flüchtlinge aus Shingal auf, darunter 25 Kinder im Alter von wenigen Monaten bis zu 5 Jahren,

ein zweiter, mehrsprachiger Kindergarten in Mardin. Das Sprachangebot soll Türkisch, Kurdisch, Arabisch und eventuell Assyrisch umfassen.

Ebenfalls wird der Deutschunterricht für Flüchtlinge in der Erstaufnahmeeinrichtung Friedland fortgesetzt. Dieses Angebot ist für Menschen, die ohne Sprachkenntnisse zu uns kommen, sehr wichtig. Die Aktion Kleiner Prinz finanziert die bebilderten Lehrbücher, die die Flüchtlinge in den nächsten Aufenthaltsort mitnehmen und zum Erlernen der deutschen Sprache weiterverwenden können. Die Realschullehrerin Christa Diebig hat dieses Unterrichtsangebot für Flüchtlinge initiiert. In einem beeindruckenden, engagierten Vortrag vor Schülern und Lehrern ruft sie zu weiteren Hilfen auf und motiviert dazu, eine Willkommenskultur für Flüchtlinge zu schaffen.

Frau Diebig hat uns den Text ihres Vortrags zur Verfügung gestellt. Sie finden ihn hier:

"Friedland ist eine von drei niedersächsischen Erstaufnahmeeinrichtungen. Hierher kommen die Menschen, so wie sie aus Flugzeugen, Schiffen, Zügen, Lastwagen gestiegen sind. Sie kommen überwiegend aus Syrien, Libanon, dem Irak, Iran, Afghanistan, Pakistan und Eritrea (in Afrika). Hier stellen sie ihren Asylantrag oder werden gleich als Kriegsflüchtlinge anerkannt. Sie bleiben etwa zwei bis drei Wochen, bis sie in einer anderen niedersächsischen Gemeinde einen Wohnsitz für längere Zeit erhalten. Dort warten sie dann auf ihre Anerkennung und hoffen, nicht in die Heimat zurück oder in ein anderes europäisches Land geschickt zu werden. Das kann über ein halbes Jahr dauern. In dieser Zeit dürfen sie nicht arbeiten oder zur Schule gehen. Sie können nur warten.

Sie können kein Wort Deutsch und etliche kein Englisch. Bis sie an ihrem endgültigen Wohnsitz sind, wo ihnen vielleicht ein Sprachkurs angeboten wird, können sie sich überhaupt nicht oder nur mit wenigen Englischkenntnissen verständigen.

Hier setzt nun meine Arbeit an.

Wie sollen sie sich nach all dem Schrecklichen, was sie erlebt haben, einigermaßen wohl fühlen, wenn sie noch nicht einmal „Guten Tag“ sagen können? Sie können nicht nach dem Weg fragen, nicht sagen, ob sie krank sind, was sie brauchen, ob sie in Not sind. Viele kennen nicht einmal unser lateinisches Alphabet. Wenigstens ein paar deutsche Wörter sprechen zu können ist so ungemein wichtig für ihr niedergedrücktes Selbstwertgefühl.

Dreimal wöchentlich gebe ich in den Räumen der Caritas Deutschunterricht, zuerst allein, seit einigen Wochen mit einem Studenten und zwei Kolleginnen. Die Unterrichtsmaterialien habe ich selbst zusammengestellt, da die Schüler nur so wenige Male bei uns sind. Und wir wollen ihnen so viele Grundlagen wie möglich vermitteln, damit sie selbst auch ein bisschen weiter lernen können.

Zuerst bat ich im Bekanntenkreis um Papier und Stifte, inzwischen unterstützt uns der Verein „Aktion Kleiner Prinz“ aus Nordrhein-Westfalen, der z. B. 100 Bildwörterbücher gespendet hat.

Neulich saß ein junger Mann aus Syrien vor mir, ein Student aus Damaskus, traurig und schrecklich dünn, der vor oder aus der syrischen Armee geflüchtet war. Er war fünf Monate unterwegs gewesen, davon die meiste Zeit zu Fuß. Nehmen Sie sich mal einen Atlas und suchen Sie den Landweg von Damaskus an die deutsche Grenze. Was hat er in Syrien, was hat er auf seiner Flucht erlebt, wen hat er zurücklassen müssen? Und kaum ist er in Friedland, will er Deutsch lernen!

Gestern kamen zwei junge Männer aus Eritrea zu uns, die für viel Geld mit den überfüllten, rostigen Schiffen übers Mittelmeer fahren mussten und bei der Abfahrt nicht wussten, ob das Schiff nicht unterwegs untergeht.

Es ist so überwältigend, mit welcher Mühe und mit welchem Eifer alle Schüler versuchen, so schnell wie möglich unsere Sprache zu lernen. Wie sie versuchen, Wörter überhaupt erst zu artikulieren („ich weiß nicht“, „ich verstehe nicht“ ist z. B. so schwer), wie sie sich die Aussprache merken, zu lesen versuchen und die Struktur der Sprache zu verstehen (warum gibt es drei verschiedene Artikel?) Die Schriften vieler Lernender sind völlig anders als unsere lateinische Schrift. Ebenso das Alphabet mit der Anzahl der Laute und Buchstaben. Selbst die Richtung der Schrift ist eine andere. (arabisch von rechts nach links) Auch das müssen und wollen sie lernen. Manche zeigen beim nächsten Mal eng beschriebene Blätter mit dem Gelernten. Da steht dann 5mal „Ich lerne Deutsch“, möglichst klein, um kein Papier zu verschwenden. Viele haben Smartphones, einerseits die einzige Möglichkeit, mit ihrer Familie in Kontakt zu bleiben, aber sie haben dort auch die passenden Sprachlernprogramme und zeigen uns dann, was sie dort gefunden haben oder stellen uns Fragen.

Und sie helfen sich ganz viel untereinander. In ihrem Land weigerten sie sich, die Sprache des anderen zu sprechen (arabisch - kurdisch), und beim Lernen helfen sie sich nun gegenseitig.

An dieser Stelle geht der Blick in die Zukunft:

Lernen Sie die Menschen kennen, indem Sie sich darüber informieren, warum sie ihre Heimat verlassen haben und was sie dort gerade in den Kriegsgebieten erlebt haben. Sie müssen das wissen. Nicht nur, um die Menschen ein bisschen zu verstehen, sondern auch um denjenigen Argumente entgegen zu setzen, die diese Menschen nicht bei uns haben wollen.

Verfolgen Sie die politischen Diskussionen zu diesem Thema.

Überlegen Sie sich in Ihren Projekten, wie Sie eine Willkommenskultur gestalten können. Das können persönliche Patenschaften oder Patenschaften übers Netz sein. Dabei muss man allerdings sehr vorsichtig sein, denn oft werden die Geflüchteten gesucht.

Sie können durch Spendenläufe Geld sammeln für Bildwörterbücher oder in den Klassen Schreibmaterial sammeln.

Schauen Sie in Ihrem Wohnort, welche Flüchtlingsinitiativen es gibt, und finden Sie Wege, wo Sie helfen können. Zum Beispiel könnten sie in die Sportvereine eingeladen werden. Oder man könnte ihnen Fahrräder organisieren.

Aber machen Sie sich auch klar, dass unser Land und unsere Gesellschaft sich ändern wird. Sie können das mitgestalten.

Vor genau 70 Jahren sind meine Eltern aus Ostpreußen, heute Polen, geflüchtet. Meine Schwestern und ich wuchsen auf mit dem uns immer wieder nachdrücklich gesagten Satz: Man kann alles verlieren, aber Eure Bildung kann Euch niemand nehmen, und damit kann man neu aufbauen.“

Das gilt ebenso für die Flüchtlinge heute, die alles zurücklassen mussten und nun so bemüht sind, Deutsch zu lernen, um wieder auf eigenen Füßen stehen zu können."

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